Elisabeth Mölder berichtet am 09. März 2010 im Pfarrheim der Liebfrauengemeinde von ihrem Jahr im Kinderheim in Bolivien
Hand auf’s Herz: Was wissen Sie von Bolivien?
Nun ja, liegt in Südamerika, ist wohl schon südlich des Äquators. Es zählt zu den ärmsten Ländern dieser Welt, da gibt’s viele Drogen, insbesondere Koka-Anbau, woraus man Kokain machen kann. Hauptstadt ist La Paz (falsch: es ist Sucre, in La Paz befindet sich nur der Sitz der Regierung) – ach ja, in La Paz gibt es doch auch das Projekt von Pfr. Neuenhofer, der sich mit ‚Arco Iris’ um Straßenkinder kümmert…
So, damit hört es aber schon fast auf, oder?
Wussten Sie auch, dass Bolivien etwa 3 x so groß ist wie Deutschland? Dass auf einer Fläche von rd. 1,1 Mio km² ca. 9,25 Mio Einwohner (2008), davon allein fast 5 Mio in den 9 größten Städten des Landes, leben? Das sind 8,4 Personen je km² (in Deutschland: 230). 92 % der Bevölkerung sind römisch-katholisch!
Bolivien ist nicht nur arm - es ist eines der ärmsten Länder Südamerikas. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist extrem, zwei Drittel der Bevölkerung leben in Armut, 40 Prozent sogar in extremer Armut. 10 % der Bevölkerung gehören 40 % des Gesamteinkommens. Das Durchschnittseinkommen der Bolivianer liegt bei 1.300 $ im Jahr, wobei die reichen Landesbürger diese Zahl massiv nach oben beeinflussen. Sozialsysteme wie Krankenkassen, Renten- oder Arbeitslosenversicherungen: Fehlanzeige! Behindert? Pech gehabt!
Im Hochland, dem westlichen Gebiet, gibt es oft kleine Ziegenherden, die von Männern oder Frauen gehütet werden. Lamas dienen den Einwohnern als Lasttiere und Fleischlieferanten, von den Alpakas wird insbesondere die Wolle genutzt.
Bolivien verfügt über die größten Erdgasvorkommen dieses Teil-Kontinentes. Außerdem gab zunächst große Silbervorkommen, danach wurde Zinn gefördert.
Weit verbreitet ist das ständige Kauen von Koka-Blättern, die u.a. die Auswirkungen von Höhenkrankheit lindern, andererseits als Basis des Kokains doch auch eine Droge darstellen. So haben viele Menschen dort ständig eine kleine Menge Koka im Mund, da sie dadurch vieles erst ertragen können, z.B. das Arbeiten in den ungesicherten, niedrigen Silberstollen bei Potosí, in denen 13, 14 Stunden ohne Essen und Trinken, im Staub liegend gearbeitet werden muss, obwohl es sich kaum mehr lohnt. Die Lebenserwartung dieser Menschen ist entsprechend: 35 – 40 Jahre…
Aber was helfen Bodenschätze und Ressourcen, wenn es an Förder- oder Transportmöglichkeiten fehlt? In dem gesamten Land existieren etwa 8.000 km asphaltierte Straßen, in Deutschland gibt es allein rd. 12.550 km Autobahnen.
Der reichere Teil des Landes befindet sich im Osten, im Tiefland. Dies hat u.a. mit den klimatischen Verhältnissen zu tun. Im Hochland dagegen ist die Armut extrem. Auch zwischen Norden und Süden gibt es Unterschiede, denn im Süden ist es oft sehr warm bzw. heiß und die Landschaft liegt sehr hoch, wodurch de facto unbewohnbare Wüstengebiete entstanden sind.
Frau Elisabeth Mölder hatte sich trotz – oder gerade wegen - intensiver Vorbereitung entschlossen, als ‚Missionarin auf Zeit’ ein Jahr in dem Kinderhaus des Ordens ‚Santa Maria Magdalena Postel’ zu verbringen. Das Haus befindet sich im Gebiet der Stadt Cochabamba und bietet Kindern und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr ein Zuhause. Wie Frau Mölder berichtete, befanden sich zuletzt 12 Jungen und 13 Mädchen im Heim. Bis zum Alter von 11 Jahren gibt es eine gemeinsame Gruppe, die aus Mädchen und Jungen besteht, danach wird eine Geschlechtertrennung vorgenommen.
Das Projekt „Missionar auf Zeit“ basiert auf 3 Säulen: Mitbeten – Mitarbeiten – Mitleben.
Die Ursachen für die Aufnahmen der Kinder in dem Heim sind vielfältig. Ein Grundübel ist oft die extreme Armut, die Eltern veranlasst, auf der Suche nach Arbeit, damit etwas Geld und damit wiederum einer Chance zum Überleben, ihre Kinder schlicht zu verlassen. Was hier unvorstellbar ist, ist dort nicht so außergewöhnlich. Auch Gewalt in den Familien, sei es gegen die Kinder oder gegen die Frauen, ist in vielen Familien an der Tagesordnung.
Zugleich gibt es bei sehr vielen Menschen große Probleme mit dem Alkohol, wodurch der Umgang mit den Mitmenschen oder Familienmitgliedern zusätzlich verschärft wird.
Auch werden Kinder sich selbst überlassen, da beide Elternteile zum Überleben arbeiten müssen. Manche Kinder haben das Glück, in eine Schule gehen zu können, wobei der Schulbesuch selbst kostenlos ist, Schuluniformen und –materialien müssen jedoch von den Eltern bezahlt werden. Wann immer das möglich ist, übernehmen die Eltern dies und sorgen nach Möglichkeit dafür, dass ihr Kind auch zur Schule geht – nur dann nämlich erhalten sie am Jahresende ein Kindergeld von umgerechnet etwa 20 €.
Nach dem Schulbesuch halten sich viele Kinder auf der Straße auf, wo an irgendeiner Ecke der Vater oder meistens die Mutter einen kleinen Verkaufsstand in Form eines Handkarrens, einer Schiebkarre oder eines kleinen Holzverhaues hat. Dort bleiben sie dann bis 22:00 oder 23:00 Uhr, um am nächsten Tag – völlig übermüdet – wieder zur Schule zu gehen.
In dem Heim werden die Kinder angehalten, eine gewisse Regelmäßigkeit in ihr Leben zu bringen, z. B. zuverlässig morgens aufzustehen, sich zu waschen und die Zähne zu putzen, was vielen bis zur Aufnahme im Heim völlig fremd war. Auch der Schulbesuch gehört wie das Erledigen der Hausarbeiten zu den Alltagstätigkeiten.
Auch für ihre Unterkünfte sind die Bewohner im Rahmen ihrer Möglichkeiten zuständig. Es wird geputzt und aufgeräumt, auch wenn es manchmal schwer fällt. Dafür wird andererseits gespielt, getobt, Sport getrieben oder auch am Abend in Ruhe etwas vorgelesen. Auch kleine Renovierungs- oder Verschönerungsarbeiten in Form von Wandmalereien o.ä. kamen bei den Kindern sehr gut an.
Das Jahr verging sehr schnell und der Abschied fiel nicht leicht.
Der Bericht von Frau Mölder war sehr interessant und kurzweilig. Die Fotos machten die Probleme teilweise greifbar nahe, zeigten aber auch – trotz der vielen Probleme – viele lachende und fröhliche Kinder.
Besonders erfreulich war, dass einige Jugendliche aus der Firmgruppe zu dem Vortrag erschienen waren.
(F. Kuhr)


